Allgemein Kommunalwahl 2026

Mut zur Banalität

Ein Beitrag von Roland Spranger

(Platz 9 auf unserer Liste 8 zur Stadtratswahl am 08.03.2026 in Hof)
➔➔➔ Hier der Kandidaten-Steckbrief von Roland Spranger ➔➔➔


Tim Krause, AfD-Kandidat für das Oberbürgermeisteramt in Hof, war neulich Moderator einer Wahlkampfveranstaltung mit Björn Höcke im Landkreis Bayreuth. Ja, man kommt rum. Er stellte sich folgendermaßen vor: „Ich bin weiß und mein ganzes Leben ein Mann“. Soweit so banal. Dafür gab es Applaus, obwohl der Satz erstmal klingt wie eine medizinische Diagnose oder ein besonders mutiger Auftritt im Einwohnermeldeamt.

Ich finde es wirklich bemerkenswert, weil ich noch nie auf die Idee gekommen bin, mich als „weiß“ und „Mann“ vorzustellen: in der Regel ist das offensichtlich. Viel öfter stellt man sich ja mit Aussagen vor, was man so macht, und was einem wichtig ist: „Ich bin Roland Spranger, und schreibe als Autor alles, was es braucht“. Der amerikanische Regisseur John Ford hat sich immer mit den Worten vorgestellt: „Ich bin John Ford, und mache Western.“

Die Botschaft von „weißer Mann“ lautet.
Seht her, ich bin keiner von denen da oben.
Ich bin ein Mensch aus der freien Wildbahn der Durchschnittlichkeit.
Ich habe vermutlich schon einmal im Baumarkt neben euch ratlos vor Schrauben gestanden.

Und alle klatschen, denn: der auf dem Podium ist einer von uns, und keiner von denen da draußen.
So weit, so durchsichtig, aber ziemlich klug in einer Zeit, in der behauptete Authentizität wichtiger ist als Kompetenz.

Krauses Satz ist ein kleines Wunderwerk der Empörungsökonomie. Er klaut die Sprache der Identitätspolitik, dreht sie um und tut so, als sei das Aussprechen einer Selbstverständlichkeit ein Tabubruch. Als müsse man sich als weißer Mann in Deutschland neuerdings verstecken wie Anne Frank im Hinterhaus. Als wären die ehemals priviligierten weißen Männer heute politisch verfolgt. Hier wird das beliebt Opfernarrativ der rechten Parteien bedient. Der weiße Mann, diese bedauernswerte Kreatur, durch Quoten und Gendern in die Ecke gedrängt, muss sich nun öffentlich zu seiner Identität bekennen.

Das Ziel ist Empörung bei den Adressaten. Und natürlich ist Empörung in vielen Lebenslagen gerechtfertigt. Man kann zum Beispiel darüber entrüstet sein, wie ungleich das Vermögen verteilt ist. Oder dass eine ordentliche Internet-Anbindung in unserem Land länger dauert als die meisten Ehen.

Politisch ist Empörung wie Zucker: Kurzfristig Energie. Langfristig Diabetes.
Auf der Bundesebene kann die AfD damit seit Jahren punkten, aber in der Kommunalpolitik ist dauerhafte Schilddrüsenüberfunktion nicht zielführend. Dort muss über die Abwasserrohre, die Kita-Plätze, die Kultureinrichtungen einer Stadt gesprochen werden. Man kann keine Schlaglöcher mit moralischer Entrüstung füllen. Man kann keine Turnhalle mit Kulturkampf heizen.

In der Kommunalpolitik ist es nicht relevant, besonders weiß oder besonders männlich zu sein. Es ist gut zu wissen, wo die Schlaglöcher sind, oder die Fahrradwege an einem Baum enden. Tim Krause weiß offenbar nur, wo die Mikrofone stehen.

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